Rote Keramikanemonen auf schwarzen Tüchern: ein gemeinschaftliches Erinnerungsprojekt aus Israel, gezeigt im Paul-Löbe-Haus am 7. Oktober 2026.Ein persönlicher Bericht von Dominic Hausmann über das Gedenken am Sderotplatz und die Eröffnung der Ausstellung „Israel 733:02:35“ im Deutschen Bundestag.
Als mich kurzfristig über die DIG Würzburg die Einladung zur Ausstellungseröffnung erreichte, sagte ich sofort zu. Ich hatte noch nicht einmal in meinen Terminkalender geschaut. Diese Ausstellung erschien mir so bedeutend, dass ich unbedingt dabei sein wollte. Also buchte ich die Reise und verlegte meine Termine.
Wenig später erfuhr ich von der Gedenkveranstaltung am Sderotplatz in Berlin-Zehlendorf. Damit stand für mich fest, dass ich auch dort teilnehmen würde. Ich fuhr mit großer Ehrfurcht nach Berlin. Zugleich freute ich mich darauf, bekannte Menschen wiederzusehen und neue kennenzulernen. Beides gehörte für mich zu diesem Tag: das Bewusstsein um den schrecklichen Anlass und die Freude darüber, im Erinnern zusammenzukommen.
Am Sderotplatz blieb mir besonders ein Bild in Erinnerung: das Schild, das auf die israelische Partnerstadt des Bezirks verweist, die Gedenktafel darunter und die vielen Blumen zu seinen Füßen. Zahlreiche Teilnehmende hatten Blumen mitgebracht und niedergelegt. So war ein kleines Blumenmeer entstanden.
Ich habe diesen Ort fotografiert, weil mich diese persönlichen Gesten berührten. Menschen hatten sich auf den Weg gemacht und etwas mitgebracht, um der Opfer zu gedenken. Die Verbindung zwischen dem Berliner Bezirk und Sderot wurde für mich an diesem Platz ganz unmittelbar spürbar.

Am Abend führte mich der Weg ins Paul-Löbe-Haus. Schon beim Ankommen hatte die Ausstellung eine besondere Wirkung: Von oben fiel der Blick auf die Anordnung der Bilder und Ausstellungselemente. Über die Treppe ging es hinunter, direkt darauf zu.
Die von der DIG-Arbeitsgemeinschaft Würzburg präsentierte Ausstellung verbindet Fotografien, Videointerviews und räumliche Installationen. Ihr Titel bezeichnet die 733 Tage, zwei Stunden und 35 Minuten zwischen dem Morgen des 7. Oktober 2023 und dem Abkommen zur Freilassung der letzten Geiseln im Oktober 2025. Im Mittelpunkt stehen die Folgen des Hamas-Terrorangriffs für die betroffenen Menschen und Orte. Weitere Hintergründe erläutert das digitale Begleitheft zur Ausstellung.
Mich beeindruckte besonders, wie unmittelbar die Fotografien auf mich wirkten. Ich brauchte keine langen Erklärungen, um vor ihnen stehen zu bleiben. Oft waren es vertraute Gegenstände, die beim genaueren Hinsehen etwas Erschütterndes erkennen ließen.
Ein Foto zeigte ein beschädigtes, verschmutztes Kuscheltier auf dem Boden eines verwüsteten Gebäudes. Ein Gegenstand, der eigentlich für Geborgenheit und Kindheit steht, lag dort zwischen den Spuren der Gewalt. Sofort kamen Fragen auf: Wem hatte dieses Spielzeug gehört? Lebt das Kind noch? Lebt seine Familie noch? Warum liegt das Kuscheltier noch immer dort?
Ich kannte die Antworten nicht. Aber die Fragen blieben. In diesem scheinbar kleinen Gegenstand lag für mich plötzlich die Ungewissheit über ein ganzes Leben, über eine Familie.
Ähnlich erging es mir mit der Fotografie eines Fahrrads an einer Hauswand. Aus der Entfernung wirkte das Bild zunächst beinahe friedlich. Ein Fahrrad, eine Wand – etwas Alltägliches. Erst beim näheren Hinsehen nahm ich die Beschädigungen wahr: den fehlenden Reifen, die Spuren der Einschüsse an der Wand. Was zunächst wie abgeplatzter Putz erscheinen konnte, bekam im Zusammenhang mit dem zerstörten Fahrrad eine andere Bedeutung.
Dieser zweite Blick hat mich besonders beschäftigt. Er machte sichtbar, wie der Terror in eine vertraute Lebenswelt eingebrochen war.


Auch die roten Keramikanemonen auf den schwarzen Tüchern blieben mir im Gedächtnis. Ihre leuchtende Farbe und die sorgfältige Handarbeit waren schön anzusehen. Zugleich standen sie für mich still und beinahe anklagend im Raum. Mit dem Wissen um ihre Bedeutung als Erinnerungszeichen veränderte sich mein Blick auf diese Schönheit.
Die Blumen wurden für die Ausstellung in Israel gemeinschaftlich gefertigt, unter anderem von Menschen aus Nir Oz und weiteren Gemeinden. Das von Efrat Machikawa koordinierte Projekt erinnert insbesondere an die verschleppten Menschen und ihre Familien. Im Begleitheft zum Anemonenfeld wird deutlich, wie eng diese Arbeit mit den Lebensgeschichten der Beteiligten verbunden ist.
Die Redebeiträge der Eröffnung empfand ich als bewegend und aufrichtig. Vom israelischen Botschafter Ron Prosor ist mir besonders ein Gedanke geblieben, den ich hier sinngemäß wiedergebe: Dem Tod, den die Hamas-Terroristen bringen und in Kauf nehmen, steht unsere Entscheidung für das Leben gegenüber – als Israelis, als Deutsche und als Menschen, die für Demokratie einstehen. Diese Gegenüberstellung hat mich sehr berührt.
Besonders beeindruckte mich auch Efrat Machikawa, deren Familie von den Geiselnahmen aus Nir Oz betroffen war. Dass sie gerade an diesem Tag in den Deutschen Bundestag kam und vor uns sprach, bedeutete mir viel. Ich erlebte eine starke Frau, deren Familie so viel ertragen musste und die dennoch die Kraft aufbrachte, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen. Ihr zuzuhören ließ mich noch einmal spüren, wie wichtig Solidarität mit den Betroffenen und ihren Angehörigen ist.

An diesem Abend lernte ich außerdem Sabrina Zinke persönlich kennen, Archivarin und Mitglied des Projektteams. Eine gute Bekannte aus unserer DIG-Arbeitsgemeinschaft Kempten–Memmingen–Allgäu hatte den Kontakt vermittelt und mich bei ihr angekündigt.
Für ein längeres Gespräch blieb während der Eröffnung wenig Zeit. Viele Menschen wollten mit ihr sprechen. Dennoch konnten wir uns kurz austauschen und erste Überlegungen zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen unseren Arbeitsgemeinschaften in Würzburg und im Allgäu anstoßen. Diesen Kontakt möchten wir weiter vertiefen. Ich bin Sabrina Zinke und dem gesamten Projektteam dankbar für ihren Einsatz und dafür, dass sie diese Ausstellung möglich gemacht haben.

Was ich aus Berlin mitgenommen habe, lässt sich für mich in einem Satz ausdrücken: Wir dürfen nicht schweigen.
Wir müssen weiter über den 7. Oktober sprechen, über die Brutalität des Angriffs und über seine Folgen. Ausstellungen wie diese helfen dabei, sich den Menschen hinter den Nachrichten und Zahlen zuzuwenden. Sie geben Anlass hinzusehen, Fragen zu stellen und zuzuhören.
Für mich gehört dazu auch, Antisemitismus klar entgegenzutreten. Jüdische Menschen müssen in Deutschland sicher leben und sich frei bewegen können. Ihr Alltag darf nicht von Angst bestimmt werden. Diese Verantwortung endet nicht mit einer Gedenkveranstaltung.
Die Fotografien haben mir gezeigt, wie vertraut vieles ist, was dort zerstört wurde: Wohnungen, Kindergärten, Gegenstände des täglichen Lebens. Ein Küchentisch kann genauso aussehen wie der eigene. Ein Spielzeug könnte auch bei uns auf dem Boden liegen.
Ich stellte mir vor, mit der Familie an einem freien Morgen zu Hause zu sein und gemeinsam frühstücken zu wollen. Und dann bricht Gewalt in diesen Alltag ein. Der Gedanke, dass hinter diesen Bildern Menschen mit einem Leben standen, das unserem in so vielem ähnelt, ließ mich nicht los.
„Israel 733:02:35“ ist als Wanderausstellung angelegt. Wenn sie wieder in unserer Nähe zu sehen ist, möchte ich sie erneut besuchen und andere Menschen mitnehmen. Ich möchte ihnen die Bilder zeigen und mit ihnen darüber sprechen. Denn die Fragen, die diese Ausstellung aufwirft, sollten uns auch nach dem Verlassen des Raumes beschäftigen.
Die Ausstellung ist bis zum 6. November 2026 im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages zu sehen. Der Eintritt ist frei; eine Anmeldung ist spätestens zwei Werktage vor dem gewünschten Besuch erforderlich. Termine, Führungen und Anmeldung finden sich auf der Ausstellungsseite des Deutschen Bundestages.